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Alpenzorros Reiseberichte
Rockymountix - von Mexiko nach Kanada
04.05. 19:00 Tucson International Airport, Arizona, USA

Servus zusammen, ich radl wieder... :-)
Europa hab' ich in den letzten Jahren ja kreuz und quer auf allem möglichen und unmöglichen Routen bereist, da ist es 2010 an der Zeit für etwas ganz anderes. In Amerika soll's auch recht schön sein hat man mir gesagt, dann sollte ich das vielleicht mal ausprobieren.
Der ausgedehnte Biketrip beginnt diesmal in Tucson im tiefsten Süden Arizonas, Mexiko ist quasi nur einen Steinwurf entfernt. Durch den Wüsten- und Canyonstaat geht´s hinauf nach Norden um dann viel später irgendwo in Utah rechts abzubiegen. Weiter nach Colorado, dort treffe ich hoffentlich irgendwo auf die Rocky Mountains und verfolge selbige entlang der Continental Divide über Wyoming, Idaho und Montana bis hinauf zum kanadischen Finish in Alberta und British Columbia.
Hingetippt sind die paar Staaten recht flott, das durchradeln wird wohl ein wenig länger dauern. Es warten viele tausend Meilen einsame Kaktuswüsten, tiefe Felsenschluchten, schneebedeckte Gipfel, hohe Pässe und vielleicht ein paar freundliche Grizzlybären. Den einen oder andren netten Singletrail erhoffe ich mir natürlich auch.
Soviel zur Einleitung, ich fahr dann mal ein bisserl los... :-)
04.05. 21:00 Tucson Airport, Arizona, USA

Kaum wartet man drei Stunden am Baggage Claim, kommt auch schon das erhoffte Gepäckstück :-)
Die Anreise in die USA war naturgemäß ein wenig komplizierter als meine bisherigen europäischen Charterflüge. Normalerweise fliege ich immer mit unverpacktem Bike, aber bei zweimaligem Umsteigen in London und Dallas ist das wohl eher nicht angebracht. Also alles schön zerlegen und polstern und Daumen drücken.
Als Airline bietet sich im Moment etwa British Airways an: Das Rad fliegt hier umsonst mit, sofern man sich auf ein Gepäckstück und 23kg beschränkt. Bei Umsteigeverbindungen in den USA auf Parterairlines ist allerdings große Vorsicht geboten, die meisten amerikanischen Gesellschaften verlangen Preise zwischen einhundert und zweihundert US-Dollar für eine Bikebox. Mit etwas Glück kommt man darum herum, wenn das gute Stück in Deutschland sein Gepäcklabel gleich bis zum Zielflughafen bekommt.
Trotzdem muss man die Kiste beim ersten Touchdown in den USA in Empfang nehmen und damit durch Immigration und Zoll marschieren. Und hier fingen auch meine Probleme an. Zuerst wollte mich der Einwanderungsoffizier nicht wirklich ins Land lassen, meine Reiseroute und der Kanada-Rückflug waren ihm wohl etwas suspekt. Dann schickt mich der Zoll auch noch zur "secondary inspection" weil sie mir nicht glauben, dass ich das Radl zum persönlichen Vergnügen dabei hab. Als ob ich meinen fahrbaren Untersatz in den USA verkaufen wollte...
Kurz und gut, ich sprinte in allerletzter Minute an Bord meiner Umsteigeverbindung von Dallas nach Tucson, meine Bikebox ist bei der Landung allerdings nicht mehr aufzufinden. Eine Servicelady eröffnet mir nach einigen Telefonaten, dass es mit dem Inhalt wohl ein Security-Problem gegeben hätte und die Kiste von irgendwelchen "special forces" geöffnet werden musste. Drum blieb sie in Texas hängen, würde aber mit dem nächsten Flieger nachgeliefert.
Ich fürchte schon das schlimmste und lege mir Alternativpläne zurecht, ein paar Monate Strandurlaub in Hawaii wären ja auch nicht zu verachten. Aber wider erwarten trudelt mein Packerl doch tatsächlich nach drei Stunden auf dem nächsten Flieger ein. Der Inhalt ist zwar etwas durcheinandergewürfelt, aber immerhin nach erster Sichtung vollständig. Dann kann ich ja mal ans zusammenbasteln gehen.
05.05. 00:00 Roadrunner Hostel, Tucson, 730m
Nach der verspäteten Ankunft strample ich noch die paar Meilen in die City und suche mir ein Hostel. Draussen schlafen werd ich auf dieser Tour noch genug, da muss man nicht gleich nachts in einer Großstadt damit anfangen.
Apropos Tour: beim grübeln über mögliche Routen bin ich immer wieder überrascht, wie dünn besiedelt die USA stellenweise doch sind. Der alpenverwöhnte Zorro erwartet natürlich alle paar Stunden mal ein kühles Bierchen, einen heissen Cappuccino oder wenigstens einen fetten Cheeseburger. Von diesem Gedanken muss ich mich wohl verabschieden. Im Land der Cowboys und Indianer kann es durchaus vorkommen, ein paar Tage lang als Selbstversorger unterwegs sein zu müssen. Wasser sprudelt dabei dann leider auch nicht wie bei uns an jeder Ecke aus einer freundlichen Quelle. Wie ich acht Liter lebensspendende Flüssigkeit auf meinem Bike unterbringe, muss ich mir wohl noch überlegen.
Neben den teils riesigen Entfernungen von Ort zu Ort und der schwierigen Versorgungslage gibts noch ein paar weitere Unterschiede zu meinen bisherigen die Trips. Weiter oben im Norden sind durchaus ein paar pelzige Raubtiere unterwegs, vor denen man sich ein bisserl in acht nehmen sollte. Hier unten im Süden in den trockenen Wüsten Arizonas werden statt dessen die Klapperschlangen meine Begleitung sein, vorzugsweise gemütlich auf einem Singletrail in der heissen Sonne vor sich hin schlummernd.

Veggie-Rattlesnakes? Wär ich sehr dafür!
Schlangen hin, Bären her, ich versuch jetzt mal, ein bisserl zu schlafen. Aber der Neunstundenjetlag hat da wohl noch was dagegen. Anyway... good night!
05.05. 15:00 Summerhaven, Mount Lemmon, 2350m
Den vormittag meines ersten Amerika-Tags verbringe ich mit fruchtlosen Versuchen, die mobile Internetverbindung zum laufen zu bekommen. Gegen Mittag gebe ich erst mal ein bisserl frustriert auf und hüpfe trotz fünfzig Grad Sonnentemperatur aufs Bike. Die Berge sehen so nah aus, da müsste doch noch was gehen.
Nah ist in Amerika wohl relativ. Obwohl Tucson eigentlich eingerahmt von lustigen Felsknubbel scheint, sind es bis an deren Fuss aus Downtown doch an die zwanzig Meilen.

Die öden stangerlgrad karierten Straßen kann man sich zum Glück sparen.

Tolle Einrichtungen haben die Busse hier. Und man wird sogar beim Aussteigen an den Drahtesel erinnert, nicht dass der noch eine einsame Ehrenrunde durch die Stadt dreht.

Dann ist Schluss mit lustig und der Ernst des Bikerlebens beginnt. Ich mühe mich den wenig befahrenen Catalina-Highway hinauf in die Berge. Den beschilderten "Coronado Forest" seh ich allerdings erst mal nicht.

Oder meinen die Amerikaner vielleicht damit einen Wald aus Saguraostangerln? Die gibt's freilich zuhauf.

Fundstück unterwegs. Haben die Schildermaler gewusst, dass ich hier vorbei komme?!

Die toll gebaute Strasse...

.. mit faszinierenden Ausblicken ...
.. kann nicht darüber hinweg täuschen, dass ich schon nach ein paar hundert Höhenmetern ziemlich hinüber bin. Jetlag, Schlafentzug und unchristliche Temperaturen fordern ihren Tribut. Etwa auf halber Strecke geht gar nix mehr, ich hocke mich in den schmalen, stachligen Schatten einer Kaktee an den Strassenrand und verweigere jede weitere Bewegung.
Na gut, ein bisserl Winken geht schon noch. Nämlich den nächsten Autofahrer, der mich auch prompt einpackt und die nächsten tausend Meter bis auf den Gipfel chauffiert. Zum Glück fahren die Amis alle riesige Pickuptrucks :-).

Im kleinen Urlaubsdörflein Summerhaven oben am Mount Lemon gibts zum Glück einen Giftstore, da müssen doch gleich mal 24 und gleich drauf nochmal 44 ounces an Coke-Sprite-Usabayernspezispezialmix vernichtet werden. Fragt mich jetzt nicht, wie viel das in Litern ist, aber meinem Blähbauch zufolge wohl eine ganze Menge. Minitiger trinkt nix.

Ich hatte kurz überlegt, die große Tigerversion einzupacken. Schlussendlich war dann doch kein Platz mehr im Gepäck.

Das ganze Coffeein kann jedoch nicht verhindern, dass ich kurz darauf auf einer schattigen Bank einfach wegpenne. Gute Nacht erst mal, am hellichten Tag.
05.05. 19:20 Auf dem Green-Trail, Mount Lemon, 1850m
Als ich nach fast drei Stunden aus meinem Tiefschlaf erwache, steht die Sonne schon bedenklich tief hinter dem Mount Lemon. Zefix, so war das nicht gedacht. Bin doch extra hier hoch, um auf drei ewig langen Singletrails wieder zurück nach Tucson zu surfen. Jetzt aber los...

.. hier ist schon der erste!

Die Abendsonne malt wunderschöne Farben in die Gegend.

Schon bald traile ich allerdings im Schatten. Macht nix, Flow ist gut! Ein paar unerwartete
Uphill-Schiebestücke bremsen mich allerdings reichlich runter.

Schon bald wird's teuflisch finster. Und so richtig fit bin ich trotz des Mittagsschlaf noch nicht, hab grade ganz schön zu knabbern an dieser Abfahrt.

Irgendwann knabbert auch etwas an mir, ein neugieriger Ast auf Augenhöhe wollte wohl mal deutsches Blut schmecken. Meine Stirnlampe liegt natürlich wohlbehalten unten im Hostel, damit hätt ich ihn vielleicht gesehen. Bravo Schlauzorro.

Nach dem nächsten Kratzer von der Botanik hab ich den Kanal voll. Der Greentrail ist ein toller S2-Spaß, aber in meinem momentanen Zustand und im trüben Dämmerlicht fahr ich einfach einen krampfigen Mist zusammen. Sekundenschlaf am Mountainbike kommt sicher auch nicht so gut...
05.05. 23:00 Roadrunner Hostel, Tucson, 730m
Glück im dunklen Unglück, der Greentrail endet irgendwann nach langer Zeit, gar nicht so vielen Höhenmetern aber um so mehr flowigen Meilen wieder an meiner Uphillstraße, dem Catalina Highway. An die weiteren Singles verschwende ich keinen Gedanken, bin fix und alle und sehen kann ich auch nix mehr.

So "hell" war's nur noch bei gemütlicher Belichtungszeit :-).
In finstrer Nacht cruise ich geteert hinab ins Tal. Ist natürlich ein Jammer, "Bug Springs" und vor allem "Milagrosa" (neben "Green" wohl die lokale Favorites) auslassen zu müssen, aber eine andre Wahl bleibt dem jetgelagtem Zorro jetzt kaum noch.
Am Fuß des Bergs rettet mich mal wieder ein Pickup, diesmal sogar unbewinkt, vor einigen fiesen, nächtlich flachen Gegenwindmeilen. Der Kerl ändert für mich sogar seine Fahrtrichtung und fährt mich bis fast zur Bushaltestelle. Scheinen wirklich ganz freundlich zu sein, die Arizonians.
Noch schnell bei Jack-In-The-Box ein Chickensandwich eingeworfen und mit Himbeerfanta garniert, dann rolle ich die letzten zwei Kilometerchen zurück zu meinem Hostel. Der zufällige Weg führt über den lokalen (und riesigen) Unicampus, und da ist nachts um zehn der absolute Joggingbär los. Dutzdende nächtliche Läufer bevölkern die Promenade, und recht haben sie! Mittags um zwölf bewegen sich hier nur irgendwelche Seppls aus dem Ausland :-).

Egal, war trotzdem ein cooler Tag!
@tschaisel, der "Continental Divide Trail" (CDT) und sein Dirtroad-Pendant (GDMBR) verlaufen hier unten im Süden ein ganzes Stück weiter östlich, durch New Mexico. Ich treffe ihn erst oben in Colorado. Im Moment befinde ich mich mehr oder weniger auf dem "Arizona Trail" (AZT). Dachte mir, Arizona und Utah machen vielleicht mehr Spaß als "bloß" New Mexico, auch wenns durch den kleinen Schlenker zweitausend Meilen mehr werden.
@igor409, meine schluzmlich bekommt kein Bär, wenn ich denn hier mal eine finden sollte.
@iceberry, aufgeblasene klapperschlange, cool! vielleicht wirklich ein tip, wenn die erstzschläuche und flicken mal ausgehen :-).
@phil, spenden werden natürlich immer gern genommen, ich muss die dazugehörende nahrungs- und genussmittelaufnahme halt wegen der geringen konzentration an "zapfstellen" etwas komprimieren. also einmal einen zweiliter-eimer-coke statt fünfmal ein 0.4er-gläschen über den tag verteilt, wie in unseren breiten üblich. dazu einfach unten auf den
link klicken. Kontonr folgt noch für non-paypals. Thanks a lot!
@marcx, meine alte lumix hatte einen kratzer auf der linse und die "mittelneue" fx35 war einfach gerade günstiger zu haben. features unterscheiden sich für meine anwendungszwecke kaum.
@zombiebike, :-)!
@michi, ich hätt's schon noch angekündigt, aber man ist mir zuvor gekommen! im moment herrscht ja sowieso schon reichlich gedränge hier, die jungfrauen verschiessen ihr ganzes pulver gleich an den ersten tage :-)
@webalizer, stimmt, weiter oben wäre der mount lemmon recht waldig. leider ist vor ca. fünf jahren ziemlich viel abgefackelt, daher musste ich gar nicht über die aussicht klagen!
@maikinet, speckiblue war quasi schon halb in der kiste, aber irgendwie bin ich halt doch mehr der crosscountry-typ. hab auch sonst viel neuen schlonz dabei, equipment-specials werden folgen.
@hit, gute Besserung!
@texas-jim, baff? klingt fast wie banff. dauert noch ein stückerl.
@ray, mexiko als flugziel war in planung, das hätte mich auch vor einigem visa-waiver-90-days-rückflug-schmarrn verschont. aber irgendwie liess sich das zeitlich und flugtechnisch auch nicht so recht realiseren.
@others, danke vielmals für die netten wünsche!
06.05. 08:40 Roadrunner Hostel, Tucson
Bevor's so richtig los geht, hier noch eine kleine Einführung zum schwierigen Thema "Livereport in den USA". Ich benutze natürlich wieder meine altbewährte Kombination aus GPS-PocketPC Loox N560 und Handy. Der Netzausbau ist verglichen mit Europa leider bedauernswert dünn, mit den weltweit verbreiteten GSM-Telefonen ist abseits von größeren Städten und Highways sogar überhaupt kein Blumentopf zu gewinnen.
Die einzige Chance für USA-weite Offroad-Abenteurer besteht im alten und grauenvoll langsamen CDMA-Funknetz von Verizon. Vor Ort ein neues Telefon kaufen ist also Pflicht, bei einem Provider der mit seinen Tarifstrukturen, Einschränkungen und Gängelungen fatal an die allerdunkelsten mobilen Onlinezeiten Europas vor einem Jahrzehnt erinnert.

Zwei Handys zum basteln, mit keinem bekomm ich's derzeit gebacken.
Einen Tag Bastelei gebe ich mir noch, dann müssen Alternativen überdacht werden. es gibt da noch die portablen stand-alone wlan router (verizon mifi), damit könnte es unter Umständen klappen. Die Hardware alleine kostet allerdings knapp 300$ und den Prepaid-Datentarif dazu gibts wohl nicht unter 50$ im Monat, falls überhaupt. Das ist eigentlich jenseits von Gut und Böse, da fahr ich lieber offline weiter. Oder seht ihr das anders? Europa ist jedenfalls verglichen mit den USA ein absolutes Schlaraffenland für Livereporter.
Noch ein kurzes Wort an die Büroleser: Die Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Arizona beträgt heftige neun Stunden. Wenn ihr also morgens euren ersten Kaffee schlürft, verschwinde ich grad in meinem kuschligen Schlafsack. Während eures Arbeitstags wird bei mir dann nicht so richtig viel passieren, erst zum Feierabend geht dann hier die Postingpost ab. Vielleicht müsst ihr eure Lesegewohnheiten ein bisserl anpassen, das hält auch den volkswirtschaftlichen Schaden in Grenzen :-).